Die ersten Reden Elifas, Bildads & Zofars

Die ersten Reden Elifas, Bildads & Zofars

Kapitel 4

 

Die erste Rede des Elifas - Die Vergeltung

 

1 Da antwortete Elifas von Teman und sprach: 2 Versucht man ein Wort an dich, ist es dir lästig? Doch die Rede aufzuhalten, wer vermag es? 3 Sieh, viele hast du unterwiesen und erschlaffte Hände stark gemacht. 4 Dem Strauchelnden halfen deine Worte auf, wankenden Knien gabst du Halt. 5 Nun kommt es über dich, da gibst du auf, nun fasst es dich an, da bist du verstört. 6 Ist deine Gottesfurcht nicht deine Zuversicht, dein lauterer Lebensweg nicht deine Hoffnung? 7 Bedenk doch! Wer geht ohne Schuld zugrunde? Wo werden Redliche im Stich gelassen? 8 Wohin ich schaue: Wer Unrecht pflügt, wer Unheil sät, der erntet es auch. 9 Durch Gottes Atem gehen sie zugrunde, sie schwinden hin im Hauch seines Zornes. 10 Des Löwen Brüllen, des Leuen Knurren, des Junglöwen Zähne werden enttäuscht. 11 Der Löwe verendet aus Mangel an Beute, die Jungen der Löwin zerstreuen sich.

 

Ein Traum

 

12 Zu mir hat sich ein Wort gestohlen, geflüstert hat es mein Ohr erreicht. 13 Im Grübeln und bei Nachtgesichten, wenn tiefer Schlaf die Menschen überfällt, 14 kam Furcht und Zittern über mich und ließ erschaudern alle meine Glieder. 15 Ein Geist schwebt an meinem Gesicht vorüber, die Haare meines Leibes sträuben sich. 16 Er steht, ich kann sein Aussehen nicht erkennen, eine Gestalt nur vor meinen Augen, ich höre eine Stimme flüstern: 17 Ist wohl ein Mensch vor Gott gerecht, ein Mann vor seinem Schöpfer rein? 18 Selbst seinen Dienern traut er nicht, zeiht seine Engel noch des Irrtums. 19 Wie erst jene, die im Lehmhaus wohnen, die auf den Staub gegründet sind; schneller als eine Motte werden sie zerdrückt. 20 Vom Morgen bis zum Abend werden sie zerschlagen, für immer gehen sie zugrunde, unbeachtet. 21 Wird nicht das Zelt über ihnen abgebrochen, sodass sie sterben ohne Einsicht?

 

Kapitel 5

 

Die Verantwortlichkeit des Menschen

 

1 Ruf doch! Ist einer, der dir Antwort gibt? An wen von den Heiligen willst du dich wenden? 2 Den Toren bringt der Ärger um, Leidenschaft tötet den Narren. 3 Wohl sah ich einen Toren Wurzel fassen, doch plötzlich musste ich seine Wohnstatt verwünschen. 4 Weit weg vom Heil sind seine Kinder, werden zertreten im Tor, sind ohne Helfer. 5 Seine Ernte verzehrt der Hungernde, selbst aus Dornen holt er sie heraus, Durstige lechzen nach seinem Gut. 6 Denn nicht aus dem Staub geht Unheil hervor, nicht aus dem Ackerboden sprosst die Mühsal, 7 sondern der Mensch ist zur Mühsal geboren, wie Feuerfunken, die hochfliegen.

 

Die Unterwerfung unter Gott

 

8 Ich aber, ich würde Gott befragen und Gott meine Sache vorlegen, 9 der Großes und Unergründliches tut, Wunder, die niemand zählen kann. 10 Er spendet Regen über die Erde hin und sendet Wasser auf die weiten Fluren, 11 um Niedere hoch zu erheben, damit Trauernde glücklich werden. 12 Er zerbricht die Ränke der Listigen, damit ihre Hände nichts Rechtes vollbringen. 13 Weise fängt er in ihrer List, damit der Schlauen Plan sich überstürzt. 14 Am hellen Tag stoßen sie auf Finsternis, am Mittag tappen sie umher wie in der Nacht. 15 Er rettet vor dem Schwert ihres Mundes, aus der Hand des Starken den Armen. 16 Hoffnung wird den Geringen zuteil, die Bosheit muss ihr Maul verschließen. 17 Ja, wohl dem Mann, den Gott zurechtweist. Die Zucht des Allmächtigen verschmähe nicht! 18 Denn er verwundet und er verbindet, er schlägt, doch seine Hände heilen auch. 19 In sechs Drangsalen wird er dich retten, in sieben rührt kein Leid dich an. 20 In Hungerzeiten rettet er dich vom Tod, im Krieg aus der Gewalt des Schwertes. 21 Du bist geborgen vor der Geißel der Zunge, brauchst nicht zu bangen, dass Verwüstung kommt. 22 Über Verwüstung und Hunger kannst du lachen, von wilden Tieren hast du nichts zu fürchten. 23 Mit den Steinen des Feldes bist du verbündet, die Tiere des Feldes werden Frieden mit dir halten. 24 Du wirst erfahren, dass dein Zelt in Frieden bleibt; prüfst du dein Heim, so fehlt dir nichts. 25 Du wirst erfahren, dass deine Nachkommen zahlreich sind, deine Sprösslinge wie das Gras der Erde. 26 Bei voller Kraft steigst du ins Grab, wie man Garben einbringt zu ihrer Zeit. 27 Ja, das haben wir erforscht, so ist es. Wir haben es gehört. Nimm auch du es an!

 

Kapitel 6

 

Ijobs Gegenrede - Das unerträgliche Los

 

1 Da antwortete Ijob und sprach: 2 Ach, würde doch mein Gram gewogen, legte man auf die Waage auch mein Leid! 3 Denn nun ist es schwerer als der Sand des Meeres, darum reden meine Worte irr. 4 Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir, mein Geist hat ihr Gift getrunken, Gottes Schrecken stellen sich gegen mich. 5 Schreit denn der Wildesel beim Gras oder brüllt der Stier bei seinem Futter? 6 Isst man denn ungesalzene Speise? Wer hat Geschmack an fadem Schleim? 7 Ich sträube mich, daran zu rühren, das alles ist mir wie verdorbenes Brot. 8 Käme doch, was ich begehre, und gäbe Gott, was ich erhoffe. 9 Und wollte Gott mich doch zermalmen, seine Hand erheben, um mich abzuschneiden. 10 Das wäre noch ein Trost für mich; ich hüpfte auf im Leid, mit dem er mich nicht schont. Denn ich habe die Worte des Heiligen nicht verleugnet. 11 Was ist meine Kraft, dass ich aushalten könnte, wann kommt mein Ende, dass ich mich gedulde? 12 Ist meine Kraft denn Felsenkraft, ist mein Fleisch denn aus Erz? 13 Gibt es keine Hilfe mehr für mich, ist mir jede Rettung entschwunden?

 

Die Enttäuschung über die Freunde

 

14 Des Freundes Liebe gehört dem Verzagten, auch wenn er den Allmächtigen nicht mehr fürchtet. 15 Meine Brüder sind trügerisch wie ein Bach, wie Wasserläufe, die verrinnen; 16 trüb sind sie vom Eis, wenn über ihnen der Schnee schmilzt. 17 Zur Zeit der Hitze versiegen sie; wenn es heiß wird, verdunsten sie in ihrem Bett. 18 Karawanen biegen ab vom Weg, folgen ihnen in die Wüste und kommen um. 19 Nach ihnen spähen Karawanen aus Tema, auf sie vertrauen Handelszüge aus Saba. 20 In ihrer Hoffnung werden sie betrogen, kommen hin und sind enttäuscht. 21 So seid ihr jetzt ein Nein geworden: Ihr schaut das Entsetzliche und schaudert. 22 Habe ich denn gesagt: Gebt mir etwas, von eurem Vermögen zahlt für mich? 23 Rettet mich aus dem Griff des Bedrängers, kauft mich los aus der Hand der Tyrannen! 24 Belehrt mich, so werde ich schweigen; worin ich fehlte, macht mir klar! 25 Wie wurden redliche Worte verhöhnt, was kann euer Tadel rügen? 26 Gedenkt ihr, Worte zu tadeln? Spricht der Verzweifelte in den Wind? 27 Selbst um ein Waisenkind würdet ihr würfeln, sogar euren Freund verschachern. 28 Habt endlich die Güte, wendet euch mir zu, ich lüge euch nicht ins Gesicht. 29 Kehrt um, kein Unrecht soll geschehen, kehrt um, noch bin ich im Recht. 30 Ist denn Unrecht auf meiner Zunge oder schmeckt mein Gaumen das Schlechte nicht?

 

Kapitel 7

 

Die Not des Lebens

 

1 Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners? 2 Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf den Lohn wartet. 3 So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu. 4 Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert. 5 Mein Leib ist gekleidet in Maden und Schorf, meine Haut schrumpft und eitert. 6 Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, der Faden geht aus, sie schwinden dahin. 7 Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist. Nie mehr schaut mein Auge Glück. 8 Kein Auge gewahrt mich, das nach mir sieht, suchen mich deine Augen, dann bin ich nicht mehr da. 9 Die Wolke schwindet, vergeht, so steigt nie mehr auf, wer zur Unterwelt fuhr. 10 Nie kehrt er zurück in sein Haus, nie mehr erblickt ihn sein Ort.

 

Die unbegreifliche Heimsuchung

 

11 So wehre ich nicht meinem Mund, mit bedrängtem Geist will ich reden, mit betrübter Seele will ich klagen. 12 Bin ich das Meer, der Meeresdrache, dass du gegen mich eine Wache stellst? 13 Sagte ich: Mein Lager soll mich trösten, mein Bett trage das Leid mit mir!, 14 so quältest du mich mit Träumen und mit Gesichten jagtest du mich in Angst. 15 Erwürgt zu werden, zöge ich vor, den Tod diesem Totengerippe. 16 Ich mag nicht mehr. Ich will nicht ewig leben. Lass ab von mir; denn nur ein Hauch sind meine Tage. 17 Was ist der Mensch, dass du groß ihn achtest und deinen Sinn auf ihn richtest, 18 dass du ihn musterst jeden Morgen und jeden Augenblick ihn prüfst? 19 Wie lange schon schaust du nicht weg von mir, lässt mich nicht los, sodass ich den Speichel schlucke? 20 Hab ich gefehlt? Was tat ich dir, du Menschenwächter? Warum stellst du mich vor dich als Zielscheibe hin? Bin ich dir denn zur Last geworden? 21 Warum nimmst du mein Vergehen nicht weg, lässt du meine Schuld nicht nach? Dann könnte ich im Staub mich betten; suchtest du mich, wäre ich nicht mehr da.

 

Kapitel 8

 

Die erste Rede Bildads - Das Gesetz der Vergeltung

 

1 Da antwortete Bildad von Schuach und sprach: 2 Wie lange noch willst du derlei reden? Nur heftiger Wind sind die Worte deines Mundes. 3 Beugt etwa Gott das Recht oder beugt der Allmächtige die Gerechtigkeit? 4 Haben deine Kinder gefehlt gegen ihn, gab er sie der Gewalt ihres Frevels preis. 5 Wenn du mit Eifer Gott suchst, an den Allmächtigen dich flehend wendest, 6 wenn du rein bist und recht, dann wird er über dich wachen, dein Heim herstellen, wie es dir zusteht. 7 Und war dein Anfang auch gering, dein Ende wird gewaltig groß.

 

Das Zeugnis der Erfahrung

 

8 Ja, frag nur das frühere Geschlecht und merk dir, was die Väter erforschten. 9 Wir sind von gestern nur und wissen nichts, wie Schatten sind auf Erden unsre Tage. 10 Unterweisen sie dich nicht, sprechen sie nicht zu dir, geben sie dir nicht Worte aus ihrem Herzen: 11 Wächst ohne Sumpf das Schilfrohr hoch, wird Riedgras ohne Wasser groß? 12 In Blüte und noch nicht gemäht, verwelkt es schon vor allem Gras. 13 So enden alle, die Gott vergessen, des Ruchlosen Hoffen wird zunichte. 14 Ein Spinngewebe ist seine Zuversicht, ein Spinnennetz sein Verlass. 15 Stützt er sich auf sein Haus, es hält nicht stand, klammert er sich daran, es bleibt nicht stehen. 16 Er steht im Saft vor der Sonne, seine Zweige überwuchern den Garten, 17 im Geröll verflechten sich seine Wurzeln, zwischen Steinen halten sie sich fest. 18 Doch Gott tilgt ihn aus an seiner Stätte, sie leugnet ihn: Nie habe ich dich gesehen. 19 Siehe, das ist die Freude seines Weges und ein anderer sprießt aus dem Staub. 20 Ja, Gott verschmäht den Schuldlosen nicht, die Hand der Boshaften aber hält er nicht fest. 21 Mit Lachen wird er deinen Mund noch füllen, deine Lippen mit Jubel. 22 Deine Hasser werden sich kleiden in Schmach, das Zelt der Frevler besteht nicht mehr.

 

Kapitel 9

 

Ijobs Gegenrede - Gottes Macht

 

1 Da antwortete Ijob und sprach: 2 Wahrhaftig weiß ich, dass es so ist: Wie wäre ein Mensch bei Gott im Recht! 3 Wenn er mit ihm rechten wollte, nicht auf eins von tausend könnt er ihm Rede stehen. 4 Weisen Sinnes und stark an Macht - wer böte ihm Trotz und bliebe heil? 5 Er versetzt Berge; sie merken es nicht, dass er in seinem Zorn sie umstürzt. 6 Er erschüttert die Erde an ihrem Ort, sodass ihre Säulen erzittern. 7 Er spricht zur Sonne, sodass sie nicht strahlt, er versiegelt die Sterne. 8 Er spannt allein den Himmel aus und schreitet einher auf den Höhen des Meeres. 9 Er schuf das Sternbild des Bären, den Orion, das Siebengestirn, die Kammern des Südens. 10 Er schuf so Großes, es ist nicht zu erforschen, Wunderdinge, sie sind nicht zu zählen. 11 Zieht er an mir vorüber, ich seh ihn nicht, fährt er daher, ich merk ihn nicht. 12 Rafft er hinweg, wer hält ihn zurück? Wer darf zu ihm sagen: Was tust du da? 13 Gott hält seinen Zorn nicht zurück, unter ihm mussten selbst Rahabs Helfer sich beugen.

 

Die Ohnmacht des Menschen

 

14 Wie sollte denn ich ihm entgegnen, wie meine Worte gegen ihn wählen? 15 Und wär ich im Recht, ich könnte nichts entgegnen, um Gnade müsste ich bei meinem Richter flehen. 16 Wollte ich rufen, würde er mir Antwort geben? Ich glaube nicht, dass er auf meine Stimme hört. 17 Er, der im Sturm mich niedertritt, ohne Grund meine Wunden mehrt, 18 er lässt mich nicht zu Atem kommen, er sättigt mich mit Bitternis. 19 Geht es um Kraft, er ist der Starke, geht es um Recht, wer lädt mich vor? 20 Wär ich im Recht, mein eigener Mund spräche mich schuldig, wäre ich gerade, er machte mich krumm. 21 Schuldlos bin ich, doch achte ich nicht auf mich, mein Leben werfe ich hin. 22 Einerlei; so sag ich es denn: Schuldlos wie schuldig bringt er um. 23 Wenn die Geißel plötzlich tötet, spottet er über der Schuldlosen Angst. 24 Die Erde ist in Frevlerhand gegeben, das Gesicht ihrer Richter deckt er zu. Ist er es nicht, wer ist es dann? 25 Schneller als ein Läufer eilen meine Tage, sie fliehen dahin und schauen kein Glück. 26 Sie gleiten vorbei wie Kähne aus Schilf, dem Adler gleich, der auf Beute stößt. 27 Sage ich: Ich will meine Klage vergessen, meine Miene ändern und heiter blicken!, 28 so graut mir vor all meinen Schmerzen; ich weiß, du sprichst mich nicht frei. 29 Ich muss nun einmal schuldig sein, wozu müh ich mich umsonst? 30 Wollte ich auch mit Schnee mich waschen, meine Hände mit Lauge reinigen, 31 du würdest mich doch in die Grube tauchen, sodass meinen Kleidern vor mir ekelt. 32 Denn du bist kein Mensch wie ich, dem ich entgegnen könnte: Lasst uns zusammen zum Gericht gehen! 33 Gäbe es doch einen Schiedsmann zwischen uns! Er soll seine Hand auf uns beide legen. 34 Er nehme von mir seine Rute, sein Schrecken soll mich weiter nicht ängstigen; 35 dann will ich reden, ohne ihn zu fürchten. Doch so ist es nicht um mich bestellt.

 

Kapitel 10

 

Ijobs Klage

 

1 Zum Ekel ist mein Leben mir geworden, ich lasse meiner Klage freien Lauf, reden will ich in meiner Seele Bitternis. 2 Ich sage zu Gott: Sprich mich nicht schuldig, lass mich wissen, warum du mich befehdest. 3 Nützt es dir, dass du Gewalt verübst, dass du das Werk deiner Hände verwirfst, doch über dem Plan der Frevler aufstrahlst? 4 Hast du die Augen eines Sterblichen, siehst du, wie Menschen sehen? 5 Sind Menschentagen deine Tage gleich und deine Jahre wie des Mannes Tage, 6 dass du Schuld an mir suchst, nach meiner Sünde fahndest, 7 obwohl du weißt, dass ich nicht schuldig bin und keiner mich deiner Hand entreißt? 8 Deine Hände haben mich gebildet, mich gemacht; dann hast du dich umgedreht und mich vernichtet. 9 Denk daran, dass du wie Ton mich geschaffen hast. Zum Staub willst du mich zurückkehren lassen.10 Hast du mich nicht ausgegossen wie Milch, wie Käse mich gerinnen lassen? 11 Mit Haut und Fleisch hast du mich umkleidet, mit Knochen und Sehnen mich durchflochten. 12 Leben und Huld hast du mir verliehen, deine Obhut schützte meinen Geist. 13 Doch verbirgst du dies in deinem Herzen; ich weiß, das hattest du im Sinn. 14 Sündige ich, wirst du mich bewachen, mich nicht freisprechen von meiner Schuld. 15 Wenn ich schuldig werde, dann wehe mir! Bin ich aber im Recht, darf ich das Haupt nicht erheben, bin gesättigt mit Schmach und geplagt mit Kummer. 16 Erhebe ich es doch, jagst du mich wie ein Löwe und verhältst dich wieder wunderbar gegen mich. 17 Neue Zeugen stellst du gegen mich, häufst deinen Unwillen gegen mich, immer neue Heere führst du gegen mich. 18 Warum ließest du mich aus dem Mutterschoß kommen, warum verschied ich nicht, ehe mich ein Auge sah? 19 Wie nie gewesen wäre ich dann, vom Mutterleib zum Grab getragen. 20 Sind wenig nicht die Tage meines Lebens? Lass ab von mir, damit ich ein wenig heiter blicken kann, 21 bevor ich fortgehe ohne Wiederkehr ins Land des Dunkels und des Todesschattens, 22 ins Land, so finster wie die Nacht, wo Todesschatten herrscht und keine Ordnung, und wenn es leuchtet, ist es wie tiefe Nacht.

 

Kapitel 11

 

Die erste Rede Zofars - Die Größe Gottes

 

1 Da antwortete Zofar von Naama und sprach: 2 Soll dieser Wortschwall ohne Antwort bleiben und soll der Maulheld Recht behalten? 3 Dein Geschwätz lässt Männer schweigen, du darfst spotten, ohne dass einer dich beschämt. 4 Du sagtest: Rein ist meine Lehre und lauter war ich stets in deinen Augen. 5 O, dass Gott doch selber spräche, seine Lippen öffnete gegen dich. 6 Er würde dich der Weisheit Tiefen lehren, dass sie wie Wunder sind für den klugen Verstand. Wisse, dass Gott dich zur Rechenschaft zieht in deiner Schuld. 7 Die Tiefen Gottes willst du finden, bis zur Vollkommenheit des Allmächtigen vordringen? 8 Höher als der Himmel ist sie, was machst du da? Tiefer als die Unterwelt, was kannst du wissen? 9 Länger als die Erde ist ihr Maß, breiter ist sie als das Meer. 10 Wenn er daherfährt und gefangen nimmt, wenn er zusammentreibt, wer hält ihn ab? 11 Denn er kennt die falschen Leute, sieht das Unrecht und nimmt es wahr. 12 Kommt denn ein Hohlkopf zur Besinnung, wird ein Wildesel als ein Mensch geboren?

 

Die Aufgabe des Menschen

 

13 Wenn du selbst dein Herz in Ordnung bringst und deine Hände zu ihm ausbreitest 14 wenn Unrecht klebt an deiner Hand, entfern es und lass nicht Schlechtigkeit in deinem Zelte wohnen!, 15 dann kannst du makellos deine Augen erheben, fest stehst du da und brauchst dich nicht zu fürchten. 16 Dann wirst du auch das Ungemach vergessen, du denkst daran wie an Wasser, das verlief. 17 Heller als der Mittag erhebt sich dann dein Leben, die Dunkelheit wird wie der Morgen sein. 18 Du fühlst dich sicher, weil noch Hoffnung ist; geborgen bist du, du kannst in Ruhe schlafen. 19 Du kannst dich lagern, ohne dass jemand dich schreckt, und viele mühen sich um deine Gunst. 20 Doch der Frevler Augen verschmachten, jede Zuflucht schwindet ihnen; ihr Hoffen ist, das Leben auszuhauchen.

 

Kapitel 12

 

Ijobs Gegenrede - Das Schweigen Gottes

 

1 Da antwortete Ijob und sprach: 2 Wahrhaftig, ihr seid besondere Leute und mit euch stirbt die Weisheit aus. 3 Ich habe auch Verstand wie ihr, ich falle nicht ab im Vergleich mit euch. Wer wüsste wohl dergleichen nicht? 4 Zum Spott für die eigenen Freunde soll ich sein, ich, der Gott anruft, dass er mich hört, ein Spott der Fromme, der Gerechte. 5 Dem Unglück Hohn! So denkt, wer ohne Sorge ist, wer fest sich weiß, wenn Füße wanken. 6 In Ruhe sind der Gewaltmenschen Zelte, voll Sicherheit sind sie, die Gott erzürnen, die wähnen, Gott mit ihrer Hand zu greifen.

 

Das unbegreifliche Walten Gottes

 

7 Doch frag nur die Tiere, sie lehren es dich, die Vögel des Himmels, sie künden es dir. 8 Rede zur Erde, sie wird dich lehren, die Fische des Meeres erzählen es dir. 9 Wer wüsste nicht bei alledem, dass die Hand des Herrn dies gemacht hat? 10 In seiner Hand ruht die Seele allen Lebens und jeden Menschenleibes Geist. 11 Darf nicht das Ohr die Worte prüfen, wie mit dem Gaumen man die Speisen schmeckt? 12 Findet sich bei Greisen wirklich Weisheit und ist langes Leben schon Einsicht? 13 Bei ihm allein ist Weisheit und Heldenkraft, bei ihm sind Rat und Einsicht. 14 Wenn er einreißt, baut keiner wieder auf; wen er einschließt, dem wird nicht mehr geöffnet. 15 Wenn er die Wasser dämmt, versiegen sie, lässt er sie frei, zerwühlen sie das Land. 16 Bei ihm ist Macht und Klugheit, sein ist, wer irrt und wer irreführt. 17 Er lässt Ratsherren barfuß gehen, Richter macht er zu Toren. 18 Fesseln von Königen löst er auf und bindet einen Gurt um ihre Hüften. 19 Er lässt Priester barfuß gehen, alte Geschlechter bringt er zu Fall. 20 Das Wort entzieht er den Bewährten, den Ältesten nimmt er die Urteilskraft. 21 Verachtung gießt er auf die Edlen, den Starken lockert er den Gurt. 22 Verborgenes enthüllt er aus dem Dunkel, Finsternis führt er ans Licht. 23 Völker lässt er wachsen und tilgt sie aus; er breitet Völker aus und rafft sie dann hinweg. 24 Den Häuptern des Landes nimmt er den Verstand, lässt sie irren in wegloser Wüste. 25 Sie tappen umher im Dunkel ohne Licht, er lässt sie irren wie Trunkene.

 

Kapitel 13

 

Das leere Gerede der Freunde

 

1 Seht, all das hat mein Auge gesehen, mein Ohr gehört und wohl gemerkt. 2 Was ihr wisst, weiß ich auch; ich falle nicht ab im Vergleich mit euch. 3 Doch ich will zum Allmächtigen reden, mit Gott zu rechten ist mein Wunsch. 4 Ihr aber seid nur Lügentüncher, untaugliche Ärzte alle. 5 Dass ihr endlich schweigen wolltet; das würde Weisheit für euch sein. 6 Hört doch meinen Rechtsbeweis, merkt auf die Streitreden meiner Lippen! 7 Wollt ihr für Gott Verkehrtes reden und seinetwegen Lügen sprechen? 8 Wollt ihr für ihn Partei ergreifen, für Gott den Rechtsstreit führen? 9 Ginge es gut, wenn er euch durchforschte, könnt ihr ihn täuschen, wie man Menschen täuscht? 10 In harte Zucht wird er euch nehmen, wenn ihr heimlich Partei ergreift. 11 Wird seine Hoheit euch nicht schrecken, nicht Schrecken vor ihm euch überfallen? 12 Eure Merksätze sind Sprüche aus Staub, eure Schilde Schilde aus Lehm.

 

Die Verteidigung der eigenen Unschuld

 

13 Schweigt vor mir, damit ich reden kann. Dann komme auf mich, was mag. 14 Meinen Leib nehme ich zwischen die Zähne, in meine Hand leg ich mein Leben. 15 Er mag mich töten, ich harre auf ihn; doch meine Wege verteidige ich vor ihm. 16 Schon das wird mir zum Heile dienen, kein Ruchloser kommt ja vor sein Angesicht. 17 Hört nun genau auf meine Rede, was ich erkläre vor euren Ohren. 18 Seht, ich bringe den Rechtsfall vor; ich weiß, ich bin im Recht. 19 Wer ist es, der mit mir streitet? Gut, dann will ich schweigen und verscheiden. 20 Zwei Dinge nur tu mir nicht an, dann verberge ich mich nicht vor dir: 21 Zieh deine Hand von mir zurück; nicht soll die Angst vor dir mich schrecken. 22 Dann rufe und ich will Rede stehen oder ich rede und du antworte mir! 23 Wie viel habe ich an Sünden und Vergehen? Meine Schuld und mein Vergehen sag mir an! 24 Warum verbirgst du dein Angesicht und siehst mich an als deinen Feind? 25 Verwehtes Laub willst du noch scheuchen, dürre Spreu noch forttreiben? 26 Denn Bitterkeit verschreibst du mir, teilst mir die Sünden meiner Jugend zu. 27 In den Block legst du meine Füße, du überwachst auch alle meine Pfade und zeichnest einen Strich um meiner Füße Sohlen. 28 Er selbst zerfällt wie Verfaultes, dem Kleide gleich, das die Motte fraß.

 

Kapitel 14

 

Ijobs Hoffnungslosigkeit

 

1 Der Mensch, vom Weib geboren, knapp an Tagen, unruhvoll, 2 er geht wie die Blume auf und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht bestehen. 3 Doch über ihm hältst du dein Auge offen und ihn bringst du ins Gericht mit dir. 4 Kann denn ein Reiner von Unreinem kommen? Nicht ein Einziger. 5 Wenn seine Tage fest bestimmt sind und die Zahl seiner Monde bei dir, wenn du gesetzt hast seine Grenzen, sodass er sie nicht überschreitet, 6 schau weg von ihm! Lass ab, damit er seines Tags sich freue wie ein Tagelöhner. 7 Denn für den Baum besteht noch Hoffnung, ist er gefällt, so treibt er wieder, sein Sprössling bleibt nicht aus. 8 Wenn in der Erde seine Wurzel altert und sein Stumpf im Boden stirbt, 9 vom Dunst des Wassers sprosst er wieder und wie ein Setzling treibt er Zweige. 10 Doch stirbt ein Mann, so bleibt er kraftlos, verscheidet ein Mensch, wo ist er dann? 11 Die Wasser schwinden aus dem Meer, der Strom vertrocknet und versiegt. 12 So legt der Mensch sich hin, steht nie mehr auf; die Himmel werden vergehen, eh er erwacht, eh er aus seinem Schlaf geweckt wird. 13 Dass du mich in der Unterwelt verstecktest, mich bergen wolltest, bis dein Zorn sich wendet, ein Ziel mir setztest und dann an mich dächtest! 14 Wenn einer stirbt, lebt er dann wieder auf? Alle Tage meines Kriegsdienstes harrte ich, bis einer käme, um mich abzulösen. 15 Du riefest und ich gäbe Antwort, du sehntest dich nach deiner Hände Werk. 16 Dann würdest du meine Schritte zählen, auf meinen Fehltritt nicht mehr achten. 17 Versiegelt im Beutel wäre mein Vergehen, du würdest meinen Frevel übertünchen. 18 Jedoch der Berg, der fällt, zergeht, von seiner Stätte rückt der Fels. 19 Das Wasser zerreibt Steine, Platzregen spült das Erdreich fort; so machst du das Hoffen des Menschen zunichte. 20 Du bezwingst ihn für immer, so geht er dahin, du entstellst sein Gesicht und schickst ihn fort. 21 Sind seine Kinder in Ehren, er weiß es nicht; sind sie verachtet, er merkt es nicht. 22 Sein Leib fühlt nur die eigenen Schmerzen, seine Seele trauert nur um sich selbst.